Balland im Abseits
Felix Füßling war tief verzweifelt. Er fühlte sich selbst und alles um sich rum ins Bodenlose versinken und kämpfte mit den Tränen. Balland war soeben im Viertelfinale der WM ausgeschieden gegen Volleytinien.
Er vergrub sein Gesicht unter der Nationalflagge – Lila – Grau mit großen blauen Stern in der Mitte - die er in den letzten Tagen immer mit sich führte. Jetzt war nur noch das Grau zu sehen. Dass Felix Füßling sich mit Nationalfarben schmückte war neu. Wie die meisten Balländer hatte er ein leicht verkrampftes Verhältnis zur eigenen Identität, genau wie Balland ja selbst international ein eher grauer uncharmanter Ruf vorauseilte, den man bei dieser fußballweltmeisterlichen Gelegenheit ein wenig aufzupolieren hoffte. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Wie fast alle Balländer um ihn herum hatte ihn eine Art verzweifelte Schockstarre ergriffen.
Dabei hatte alles so wunderbar angefangen. Mit verklärtem Blick dachte er sehnsüchtig zurück. Zu Beginn der WM gleich der klare Auftaktsieg drei zu null gegen Tortalien oder dann das spannende zwei zu eins gegen Schiristan mit dem erlösenden Siegtreffer in der letzten Minute der Nachspielzeit. Der Jubel beim Public Gucken kannte keine Grenzen. Wildfremde Leute lagen sich in den Armen und führten unkoordinierte wilde Tänze auf. Soziale Unterschiede wurden genauso verwischt wie Unterschiede im Alkoholisierungsgrad. Im lila – grauen Jubelrausch für Balland waren alle gleich, wenigstens für ein paar Stunden. Das Bruttoinlandsprodukt im sonst kriselnden Balland legte hauptsächlich durch den Verkauf von Flachbildschirmen, Beamern, Leinenwänden, Bierfässern, Kartoffelchip-großpackungen, unmelodischen Blasinstrumenten sowie von lila – grauen Fahnen und Fähnchen erstmals seit Jahren vorübergehend etwas zu. Fast schien es als wäre Balland eine fröhliche, erfolgreiche , schon beinah glücklich zu nennende Nation. Und nun das. Unfassbar , in der Verlängerung faustet der eigene Torhüter den Ball unglücklich an der Pfosten und von da ins eigene Tor. Kurz darauf nochmal der Ausgleich durch einen genialen Distanzschuss von Größil. Hemmungsloser Jubel, Euphorie und Wahnsinn, alles war wieder möglich. Balland wird wieder Weltmeister – eine Minute lang – bis dieses volleytinische Tor, dieses klar regelwidrige Abseitstor alles zunichte machte. Immer wieder wurde der Moment der Ballabgabe eingeblendet und Millionen Balländer wurden in schreiende Verzweiflung gestürzt, nur weil das aus Wettland stammende Schiedsrichtergespann übersah, dass der Fuß des volleytinschen Stürmers mit zwei Millimeter im Abseits stand. Und dann der Abpfiff, Game over, alles zu spät, alles aus, alles vorbei.
Etwa eine halbe Stunde später kehrte wieder etwas Leben ins Gesicht von Felix Füßling zurück , er trocknete sich die Augen und nahm seine Umwelt wieder wahr. Um ihn herum waren jetzt die meisten mit hängenden Köpfen auf dem Heimweg. Viele rissen sich die Fahnen, die sie eben noch jubelnd hoch hielten, vom Hals, Einzelne zündeten sie sogar an. Plötzlich fiel Felix Füßler wieder ein, dass er die Millionenverträge einiger Spitzenprofis längst abartig fand, die Werbespots einiger Nationalspieler lächerlich und die beworbenen Unternehmen teilweise höchst fragwürdig. Solange Balland klasse spielte, hatte er das erfolgreich in den Hintergrund gedrängt. Aber jetzt breitete sich unnachsichtige Ernüchterung aus. Er spürte wie aus seiner Niedergeschlagenheit Wut wurde, ziellose, namenlose Wut. Er befand sich im Zustand gefährlicher Unwucht und anschwellender Aggressivität. . „Diese ganzen blöden Vollidioten“ fluchte er laut vor sich, ohne genau zu wissen wen er konkret meinte. Fans von Volleytinien mit denen man sich hätte anlegen können waren jedenfalls keine in der Nähe. Nur einige Polizeieinheiten des BallandGrenzschutzes standen herum , wirkten eher unmotiviert und gaben irgendwie kein passendes Ziel zum Frustabbau ab. Sein Public – Gucken – Kumpel Paul Holzer schlürfte im lila-grauen Dress an ihm vorbei. „ Eh Paul, komm wir gehen den Mist wegspülen“. Paul Holzer schaute auf und stimmte obwohl bereits leicht schwankend sofort zu. „Scheiß WM, wurde sowieso Zeit, dass das endlich vorbei ist, kann sowieso keine drei Spiele am Tag mehr sehen“ entfrustete er sich, dabei hatte er extra seinen Produktionshelferjob bei einer Zeitarbeitsfirma, den ersten seit vier Jahren, gekündigt um alle Spiele live sehen zu können. Felix Füßling lies sein umsonst für den Autokorso vorbereitetes dekoriertes Fahrzeug stehen und die beiden liefen weitgehend sprachlos in die Vorstadt hinein . Zwei Stunden und fünf Bier später hatte sich Felix Füßling wieder einigermaßen im Griff und entspannte sich langsam. Überall war relativ wenig los und die Stimmung seltsam gedämpft. Nur in einer alternativ wirkenden Kneipe, wo man das Ausscheiden Ballands feierte, einfach aus dem Grund , weil man sowieso immer gegen Balland war und die beiden, die immer noch in Lila-Grau rumliefen, offen verspottete, musste er den erzürnten Paul Holzer vorsichtshalber aus dem Laden ziehen. Nach der Aufregung und der ganzen Sauferei hatten sie jetzt mitten in der Nacht vor allen Hunger. Sie kamen an einer volleytinischen Imbissbude vorbei, an der unter anderen eine Ballandfahne befestigt war. „Ich will aber nichts vom Volleytiner essen“ sagte Füßling wie ein störrisches Kind. „ Man, ich hab aber Hunger“ entgegnete der andere. „Aber die haben uns die WM versaut“ „Aber das ist der Einzige, der um die Zeit noch auf hat“. Daraufhin gingen sie zahntropfend und widerstrebend gleichzeitig rein. Der Volleytiner nahm gut gelaunt ihre Bestellung entgegen und stutzte kurz. „Eh Jungs ist bloß Fußball, nur ein Ballspiel“ versuchte er die Stimmung seiner Gäste zu heben. „Von wegen nur , du hast ja gut reden“ erwiderte Felix Füßling, obwohl er ich sich eingestehen musste diesen Aspekt vergessen zu haben.
Auf dem Nachhauseweg kurz vor seiner Wohnungstür fand er eine lila – graue Nationalflagge , sie lag im Dreck , mehrere Fußtritte zeichneten sich deutlich darauf ab. Trotzdem schien der blaue Stern in der Mitte im Schein der Laterne irgendwie mattes Licht widerzuspiegeln. Er hob sie auf, vielleicht dachte er häng ich die ja mal raus, irgendwann wenn es gar keinen Grund oder medial gehypten Anlass dafür gibt, nahm er sich jedenfalls vor.