Happy Hour in Helsinki

Kurz bevor am späten Nachmittag, die von Tallinn kommende Fähre in den Hafen von Helsinki einfuhr, konnte ich von Deck aus beobachten, wie die Sonne mit einem hellen rötlichen Farbspiel am westlichen Horizont im dunklen Blau der Ostsee versank. Hell sinkt sie. Vielleicht deshalb auch Helsinki, dachte ich spaßeshalber und
freute mich auf die finnische Hauptstadt, auch wenn der erste und einzige Abend nach Sonnenuntergang, also weitgehend im Dunkeln stattfinden würde. Einige Umherstehende versuchten die untergehende Sonne zu fotografierten. Ein anderer vermutlich finnischer Passagier mit leicht geröteten Kopf und einem Bier in der Hand redete in freundlicher Tonlage auf mich ein. Ich hörte nur sehr viele Buchstaben, überwiegend Vokale, sagte erstmal nichts und machte dann eine Geste des bedauernden Nichtverstehens.
Als die Fähre in Helsinki – Länsisatama angelegt hatte, war, das Gedränge groß.
Auffällig viele Heimkehrer zogen Rollkoffer, aus denen Spirituosenflaschen heraus ragten, hinter sich her oder waren mit Paletten voller estnischer Alkopops und Brauereiprodukten bepackt. Als hätte der nördliche, reichere EU-Nachbar Estlands ein Konjunkturprogramm für baltische Destillen aller Art aufgelegt. Auf der anderen Seite haben ja finnische Schüler bei der so genannten PISA – Studie wiederholt europaweit die besten Ergebnisse erzielt, was man in dieser Kombination als Indiz werten könnte, dass ein gewisser Durst einer Nation nicht zwangsläufig zur Verblödung der nächsten Generation führen muss. Die Bushaltestellen vor dem Hafenterminal waren überfüllt und die Linienführung gab  auf dem ersten Blick Rätsel auf. Ein vermutlich sehr teures Taxi wollte ich nicht nehmen, zumal ich nur sehr grobe Vorstellungen davon hatte, wo ich in Helsinki eigentlich hin wollte. Da ich nur leichtes Gepäck schultern musste, entschied ich mich für den Fußweg und ging einen Hafenkai Namens Jätkäsaarenlaituri entlang Richtung Innenstadt und folgte dann der erstbesten verkehrsberuhigten Straße. Nach einigen Minuten Weg durch ein Wohngebiet, versuchte ich vergebens meinen Standort auf dem Gratisstadtplan, den ich von der Fähre mitgenommen hatte, zu orten. Außerdem war es kühl , so wollte ich erstmal einen Kaffee trinken und betrat einen Eckladen, der eine Mischung aus Bäckerei, Imbissbude und Zeitungskiosk darstellte. Ich wurde nett mit einer Frage begrüßt, die ich weder wiederholen noch beantworten konnte und bestellte auf Englisch einen Kaffe und einen Keks. Der Kaffe kostete zu meiner Überraschung nur 1,50 Euro. Von wegen hier oben ist alles teuer.  „Where are you from ?“ erkundigte sich die finnische Servierkraft südostasiatischer Herkunft. „ Dippoldiswalde“  behauptete ich, nur um auch mal etwas Unverständliches zu sagen. „ Dip … What the hell…Wich Country is that ?“  Das Wort “Germany” löste keine weiteren Nachfragen aus. Zwischenzeitlich konnte ich wieder feststellen, wo ich war. Ich hatte u.a. nicht beachtet, dass in Helsinki, wegen der schwedischsprachigen Minderheit alle öffentlichen Bezeichnungen zweisprachig sind und hatte daher teilweise finnische Straßenschilder mit schwedischen Namen in der Karte verglichen und umgekehrt. Ich befand mich also in der Eerikinkatu oder auf schwedisch einfach Eriksgatan, einer langen Nebenstraße die ins Stadtzentrum führt und die ich deshalb weiter ging. Zunehmend säumten gemütliche, einladend aussehende Cafes und Kneipen den Weg. An einem Ecklokal warb ein Aufsteller für die dortige HappyHour. Dem Schild war zu entnehmen, dass zwischen 18.00 und 19.30 Uhr für ein Hamasta 0,5l Bier nur 5,50  € berechnet werden. Wie günstig. Ich schaute  durch die großen Fenster in die Kneipe hinein. Sie war gut gefüllt. Es war gerade HappyHour. Obwohl mir nach meinen mitteleuropäischen Maßstäben andere Preislagen und Zeiten für HappyHour vorschweben, verspürte ich sofort den Impuls rein zu gehen, unterdrückte diesen aber erstmal, um mich nicht wieder abreisen zu müssen, ohne jemals in das Herz der finnischen Metropole vorgedrungen zu sein. In der Annahme, dass diese Kneipe nicht das  Herz der Stadt ist, ging ich weiter und erreichte schließlich den prachtvollen Doppelboulevard Esplanadi , der sich in die schönen Namen Pohjoiseplanadi und Eteläesplanadi unterteilt. Ganz normales Großstadtleben wie anderswo auch, umströmte mich. Zahlreiche Menschen verloren sich in Kaufhäusern, unterschiedlichsten Läden und gastronomischen Einrichtungen und quollen aus ihnen wieder heraus. Von hier aus waren die wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie Dom, Senatorenplatz, Uspensky – Kathedrale, der alte Markt Kauppatori am Koleraallas sowie verschiedene Museen und Theater von nationaler Bedeutung in wenigen Minuten zu erreichen. Nachdem ich das meiste davon, während eines zügigen Spaziergangs von außen in Augenschein genommen hatte und weitgehend sehenswert fand, führte mich mein Weg über die stark befahrene Mannerheimintie vorsichtshalber langsam zurück in Richtung des Fährhafen Länsisatama . Ich bog wieder in die Eerikinkatu ein und stand schon bald wieder vorm HappyHour Schild. Die Verlockung war groß. Wie viel Zeit blieb? Die Fähre nach Rostock ging in 2 Stunden. Ein halbe Stunde vor Abfahrt sollte man auf dem Schiff sein, dass in einer Entfernung von 20 Minuten Fußweg wartete. Also blieb noch eine volle HappyHour. Im nächsten Moment war ich schon durch die Tür und nahm am einzigen freien Tisch in der Nähe der Theke platz. Die Inneneinrichtung war einfach gehalten, die Atmosphäre wirkte entspannt, unverständliches Gemurmel füllte den Raum. Die heimischen Biere waren mir allesamt unbekannt. Ich entschied mich für Lappin Kulta. Klang am interessantesten und ein Bier, dass in Lappland also quasi am Polarkreis gebraut wird, trinkt man auch nicht jeden Tag. Ich war gespannt ab wie viel Lappin Kulta man überall Rentiere sehen würde. Kultige, kulleräugige Rentiere , stellte ich mir vor, die zufrieden durch weite Nadelwälder trotteten. Laut Sprachteil meines Reiseführers heißt ein Bier auf Finnisch: Ycksi Öhlun . Da steckt das Wort Ölung gleich mit drin. Mein Versuch auf Finnisch zu bestellen scheiterte allerdings. Wie ein Kind zeigte ich auf das, was ich wollte und bekam es schließlich. Der Geschmack von Lappin Kulta erinnerte mich stark an die Billigmarke Sternburg. Aber das würde hier niemand interessieren. Am Nebentisch saß ebenfalls ein einzelner Mann, der auf seinen Nokia-Handy herumtippte. Die Ölung funktionierte und ich orderte kurz darauf ein zweites Lappin Kulta und erkundigte mich vorsichtshalber nach dem Preis. „Six Euros Ninety  each beer“ bekam ich zu hören. Ich zeigte erstaunt fragend auf das HappyHour – Schild. Die Bedienung ging nicht darauf ein und der Typ vom Nebentisch zeigte auf eine Uhr und klärte auf: „HappyHour is over“. Er wirkte dabei nicht unglücklich, er hatte wohl zeitig genug bestellt. Auf die zeitliche Begrenztheit des Glück versprechenden Preisvorteils hatte ich gar nicht geachtet. Der Nebentischmann wurde kommunikativ und stellte sich vor mit: Matti. „Matthias“ hätte ich beinahe gesagt, nannte aber meinen richtigen Vornamen. Steffen wurde wie meist im Ausland kurzerhand zu Stefan vereinheitlicht. Das Gespräch blieb bruchstückenhaft. Matti schien der einzige Skandinavier zu sein der nur wenig Englisch sprach.

Meine Bargeldbestände ließen kein weiteres Lappin Kulta zu. Ein Kaffee der auch hier nur zwei Euro kostete, wäre noch drin gewesen. Die Lenkungsfunktion finnischer Gesetzgebung wurde mir langsam bewusst. Dank der landesüblich starken steuerlichen Benachteiligung alkoholhaltiger Getränke, würde ich also meine Fähre keinesfalls verpassen. Und dass in einem Land, wo die Winter vergleichsweise lang und kalt, also noch richtige Winter sind, Heißgetränke begünstigt werden, erscheint ebenfalls plausibel. Ich verabschiedete mich von Matti und der Eerikinkatu und trat erfolgreich den Rückzug an.      

Sollte ich jemals wieder  Suomi – Finnland besuchen dürfen, nehme ich mir mehr Zeit, soviel  dass man umgeben von Wäldern und Seen auch mal in die Sauna gehen kann. Vielleicht ergeben sich ja da noch andere Geschäfte.