Im Böhmischen Wirtshaus
„Wumm“ plautzte es auf dem einfachen Holztisch und ein etwa halblitergroßes Bierglas wurde noch während ich mich setzte, herzhaft und unaufgefordert vor mir platziert. Was für eine Begrüßung. Vor kaum zwei Minuten stand ich noch vor dem Hotel „Posta“ auf dem Marktplatz von Decin und stellte erfreut fest, dass das Hotel Posta nicht nur den Beinamen Hotel trägt, sondern vor allen ein, dem äußeren Anschein nach traditionell anmutendes Wirtshaus ist. So beschloss ich, den Tagesausflug in die Tschechische Republik , von der Sächsischen hinüber in die Böhmische Schweiz mit einem zünftigen Abendbrot hier zu beenden.
„Zu den Tschechen fahren“ hat ja gerade im grenznahen Bereich mitunter den Beigeschmack von Tank- Tabak- Billig- Schnäppchen- oder auch Sextourismus, auch wenn dies die Schönheit des Landes an sich beleidigt, wobei Tanktourismus sich oft nicht nur auf Benzin bezieht. Jedenfalls hatte ich nicht die Absicht mich an größeren Peinlichkeiten beteiligen und wollte nur soviel Hopfensaft tanken wie ich Treibstoff für den Abend selbst benötigte. Ich schaute mich um im Böhmischen Wirtshaus, mit seinem gewölbeartigen, mit Säulen durchsetzten, geräumigen Gastraum der zu etwa Zwei Dritteln gefüllt war. Die meist laut und lebhaft redenden,
manchmal auch kurz brüllenden Gäste nahmen von dem Eishokeyspiel das, so schien es, immer auf dem Bildschirm in der Ecke läuft, kaum Notiz. Der gastronomisch-konservativ, mit weißem Hemd, gelber Weste und schwarzer Hose gekleidete Kellner balancierte mit der einen Hand ein großes kreisrundes Tablett voller mit Bier gefüllter Gläser und verteilte diese scheinbar wahllos, ungefragt und ohne Zeit zu verlieren an alle umher sitzenden Gäste. Manchmal ritzte er dazu schnell Striche auf Zettel, manchmal auch nicht. Wenn das Tempo so durchgehalten wird, kann man den Verbrauch dann wahrscheinlich sowieso nur grob überschlagen. Ich nahm einen kräftigen Schluck. Es schmeckte wirklich herz- und gaumen-erfrischend gut. Gelegentlich ein Schlückchen schluckend, studierte ich die Speisekarte, ich wollte ja eigentlich was essen.
„Wumm“ machte es und das zweite Bier stand vor mir. Das erste Glas war noch zu einem Drittel voll. Wenn das so ist, wollte ich nicht durch Zimperlichkeit auffallen und trank das erste schnell aus und das zweite zügig an. Die Speisekarte bestand nur aus wenigen, deftigen, meist stark fleischhaltigen Gerichten. Getränke waren nicht separat verzeichnet. Wozu auch, sie wurden ja offensichtlich einfach in gewohnter Weise verteilt. Ich sah wie der Kellner schon wieder schwungvoll auf meinen Tisch zukam und winkte im letzten Moment ab. Meine Wahl fiel auf Schnitzel mit Kartoffeln. Das vorübergehende verschwinden des Schnellbierverteilers, nutzte ich für einen Besuch auf der Toilette.. Auf dem Weg dorthin ging man durch einen mit Holz getäfelten Nebenraum, der mit kleineren historischen Schwarzweißfotos dekoriert war. Die klein gedruckten deutschsprachigen Unterschriften auf einigen alten Postkarten wie: „ Tetschen – Blick von der Schäferwand“ oder „ Bodenbach an der Elbe“ erstaunten mich. Die zweisprachige Vorkriegsvergangenheit der Region scheint, zumindest als historisch dekoratives Element wieder akzeptabel zu sein. Ich näherte mich wieder meinem Tisch und der Kellner war schon wieder damit beschäftigt im schnellen Polkatakt volle Gläser zu verteilen, wobei er abermals wie selbstverständlich auch auf mich zusteuerte. Vielleicht muss man ihn ja ansprechen, wenn man ausnahmsweise Festes statt Flüssigem begehrt. „ äh Entschuldigung … äh Prosim “ . Er schaute sich kurz auf und redete tschechisch mit mir. Meine Sprachkenntnisse ermöglichten keine adäquate Reaktion. Ich zeigte auf der Speisekarte, was ich zu bestellen wünschte. Er wirkte ein wenig vergnatzt und ging leise vor sich hin fluchend Richtung Theke zurück, wobei die wenigen noch nicht verteilten Biere traurig auf dem Tablett schwepperten.
Hatte ich ihn außer Tritt gebracht ? Waren Essensbestellungen im Grunde unerwünscht, weil sie den flüssigen Ablauf störten ? Hätte ich lieber vorher einen Imbiss nehmen und nur wegen der Schaumgetränke herkommen sollen? Aber für die Variante war es jetzt zu spät.
„Schepper“ machte es und vor mir stand ein großer Teller mit riesigen Schnitzel, etlichen Kartoffeln, mit zwei kleinen Blättchen Salatbeilage und ohne Soße. Man scheint sich hier wirklich nur auf die wesentlichen, nahrhaften Dinge zu konzentrieren. Guten Appetit ! Der Teller war zu zwei Dritteln weggeputzt, das Schnitzel wurde immer zäher und trockener im Mund und mein Bier war alle.
Ich winkte wiederholt dem gelb bewesteten Kellner zu. Vergeblich, er ignorierte mich jetzt konsequent und trug kaum zu zählende halbe Liter achtlos an mir vorbei. Wer aß, wurde offensichtlich vom, im Überfluss strömenden Bier, ausgeschlossen. Oder hatte ich anderweitig sein Missfallen erregt ? Zwei Einheimische setzten sich an meinen Tisch. „dobry den, dobry den“ Dann fragten sie mich irgendwas und ich nickte kauend. Wumm – Wumm und – Wumm schlug es auf dem Tisch wieder ein und drei frische Pivo standen da. Na bitte…. . Meine beiden Tischnachbarn mittleren Alters unterhielten sich lebhaft gestikulierend und ich lauschte dem Klang der Sprache. Einer der beiden hatte einen voluminöse rundliche, einem Bierfass nicht unähnliche Oberkörperform. Der Anblick nahm mir kurz den Durst und lies einen zu häufigen Besuch in diesem urigen Hospoda weniger verheißungsvoll erscheinen. Die beiden prosteten sie sich nach einer Weile sich gegenseitig und nach kurzen Zögern auch mir zu. Ich erwiderte die frohe Geste und wurde vorsichtig etwas gefragt. „Sorry, I don`t speak Czech“ erklärte ich. „ Everbody should speak Czech“ meinte der rundliche links von mir Sitzende. „ No, no, everybody should speak English“ behauptete der rechts von mir Sitzende. „ Where are you from ?”” fragte der erstere. „ Drasjdany“ antwortete ich. Der tschechische Name für Dresden Ist eins der wenigen mir bekannten Wörter in der Sprache des Nachbarlandes. „ I don`t hate Germans, but I don`t like German speaking people“ bekannte der rechts von mir Sitzende, offensichtlich unter dem Eindruck von massenhaften, leicht penetranten Tageseinkaufstouristen stehend. „ But they bring a lot of money in this area“ fand der links von mir Sitzende. “I like Czech beer” warf ich ein um einen möglichen ,ja sogar sehr wahrscheinlichen gemeinsamen Nenner anzubieten. Obwohl ich es in Dresden nur selten trinke, war das nicht gelogen. Es wurde zustimmend genickt und wieder geprostet. Der Gelbwestenkellner nutzte schon wieder die Gelegenheit volle Gläser zu platzieren, als hätte er die Würdigung seine Ware gehört. Wenigstens nahm er jetzt auch den leeren Teller mit. Meine Mit-am-tisch-sitzer unterhielten sich wieder untereinander und die gelbe Weste versah an eine übergroße Arbeitsbiene erinnernd, fortlaufend ihren Zubringdienst. Irgendwann fiel mir auf los zu müssen, da ich nicht vorhatte im Hotel Posta zu übernachten und der Bahnhof auf der anderen Seite der Elbe bzw. Labe lag. Mir gefiel mit einem mal das Wort „Labe la la lal la la Labe“ Es bekam einen ganz eigenen irgendwie situationstypischen Klang. LalalaLabe. Ich gestikulierte zum böhmischen Wirtshauskellner zahlen, zu wollen. Die Zusammensetzung der Zeche war völlig unklar, aber im Verhältnis zu den vielen Gläsern nicht übermäßig hoch. Und noch was fiel mir zum Schluss auf tschechisch ein: La la la la sledanou. Ich übte es zum Abschied mit den beiden am Tisch. Sie stimmten ein, obwohl es ja eigentlich „na shledanu heißt, wurde laberte bald ein Chor aus drei Stimmen. La,la,la,la sledanou, ahoi, ciao, Auf auf auf wiedersehn