un espresso per favore

Bella Italia, bella figura, bella Roma. Ein Frühlingstag in Rom. Das Wetter ist schön, das Leben pulsiert, der Verkehr ist chaotisch. Mofas knattern, sonnenbebrillte Italienerinnen stolzieren den Corso auf und ab und Cafes laden zum Espresso ein.

Beim Besuch im Vatikan allerdings, den man auch als nicht katholisch Gläubiger aus allgemeinen kulturellen Interesse heraus vornimmt, wenn man schon einmal in der Stadt ist, treten diese eher weltlichen Eindrücke schnell in den Hintergrund. Weitläufig rund und kaum überschaubar breitet sich die Piazza San Pietro, der Petersplatz vor den Besuchern aus. Beim Betreten des Petersdomes werden vor mir zwei ostasiatische Touristen, die respektlos mit ihren Kameras hantieren, von zwei plötzlich erscheinenden Sicherheitsleuten (die eher nach Kriminalpolizei als Schweizer Garde aussahen) zurecht und daraufhin gewiesen., was hier drin alles nicht zu fotografieren oder filmen sei. Dies blieb neben der imposanten Größe des Gebäudes  einer der bleibenden Eindrücke aus dem römischen Zentrum der Christenheit. Meine Lust den Rest des schönen Nachmittages mit weiteren religiösen Beeindruckungen zu verbringen war gering, deshalb verschob ich den Besuch der Vatikanischen Museen auf einen unbestimmten späteren Zeitpunkt  meines Lebens und schlenderte seitwärts zurück Richtung italienisches Staatsgebiet , bis ich endlich auf der nahe gelegenen Piazza  Risorgimento einen sehr diesseitigen Kiosk entdeckte und mich, ausgedörrt wie ich war, heftiger Wasserdurst und Kaffeappetit überkam. Mutig trat ich ran und wollte meine erste italienisch – sprachige Bestellung riskieren. Zwar hatte ich eher auf herkömmlichen Kaffee Appetit, kannte aber nur in diesem Zusammenhang das recht eindeutige Wort „Espresso“. Dann nehmen wir eben so Einen.  „Un Espresso per favore“ sagte ich meinem mitteleuropäischen Lautverständnis entsprechend. Der Kioskinnenstehende reagierte nicht und räumte weiter irgendwas hin und her. Nach kurzer Pause wiederholte ich meinen Satz gleichförmig. Der haargegelte Römer stutze kurz und fuhr herum „ UN Espresso per favore“ melodierte er schwungvoll , fast etwas beleidigt und ausladend gestikulierend. Wie kann man nur so trost- und emotionslos einen Espresso bestellen, schien er zu denken.  Ich trat instinktiv einen halben Schritt zurück und murmelte „Si, Si“  und bemühte mich das Gehörte abzuspeichern . Auf die ebenfalls gewünschte Wasserflasche zeigte ich vorsichtshalber. „Prego“ der Espresso schmeckte würzig und wenigstens „Gracie“ schien zu anzukommen.                                                           Neben Sonnenbrillen scheint offensichtlich das Handy ein allgegenwärtiges unverzichtbares Accessoire der italienischen Moderne zu sein, selbst im Kolosseum, dem größten jemals erbauten Amphitheater und bedeutendsten Wahrzeichen Roms,  schienen die meisten Besucher pausenlos Gespräche entgegen zu nehmen. „ Brot und Spiele“ – Handy und Esprresi dachte ich. Musste aber bei näheren hinsehen erkennen, dass es sich bei den ans Ohr gedrückten vermeintlichen Handys um ausleihbare Audioreiseführer handelte und die Zuhörenden keineswegs laberten sondernbin historische Details und Hintergründe des Koloseums vertieft waren  . Daraufhin konzentrierte ich mich meinerseits auch lieber auf die alten Steine  

 Meine nur geringfügig überteuerte Pension lag in einer Nebenstraße zwischen dem  Bahnhof Stazione Termini und  Via Manzoni. So fuhr ich mit einer der beiden römischen U-Bahnlinien bis zur Station  Manzoni um mich für den bevorstehenden Abend etwas frisch zu machen. So überschaubar das U-Bahnnetz ist, so unüberschaubar ist nebenher bemerkt das Gewusel an Buslinien. Beim Austeigen schaute ich nochmal auf das Schild „Via Manzoni“ und musste beim klang des Wortes MANZONI unwillkürlich an den  Mann aus der Zone denken. Der Mann aus dem östlichen Bereich seines Landes, der seine Reisebeschränktheit überwinden durfte und wie ich, zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass Allessandro Manzoni nicht weniger als einer der bedeutendsten identitätsprägenden  italienischen Literaten des 19. Jahrhunderts war. Praktisch relevanter war allerdings in diesem Moment, dass ich jetzt eine vierspurige Straße überqueren musste, auf deren Verkehrsfrequenz die Ampelschaltungen kaum Einfluss zu haben schien. Wie stand lakonisch im Reiseführer „ Der Fußgänger hat immer Vortritt, wenn er  sich denn traut“ Ich traute mich erstmal nicht und schloss mich schließlich drei anderen mit der gleichen Absicht an, mit denen ich in einer Art Schlängelauf durch die im letzten Moment doch bremsenden Fahrzeuge, die andere Straßenseite erreichte.

Am nächsten und letzten Vormittag besuchte ich noch ein weiteres Aushängeschild der Stadt den berühmten barocken Neptunbrunnen „Fontana di Trevi“ , der ursprünglich das Ende einer antiken Wasserleitung bildete. Touristen und Touristinnen fotografierten sich gegenseitig vor der baulichen Pracht. Unzählige Münzen schimmerten im Wasser auf dem Grund. Es heißt, wenn man eine Münze in diesen Brunnen wirft, würde man irgendwann nach Rom zurück kehren. Ich schaute in mein Portmonee. Da waren nur Scheine drin. Ich erwog jemand zu fragen, ob er mir wechseln könne. Das Geldwechseln mit der Absicht einen Teil davon anschließend ins Wasser zu werfen erschien mir irgendwie zu speziell und wer weiß , ob das dann auch gilt. Ich schaute mich um und ging in einer Nebenstraße in ein kleines Cafe und bestellte in der Hoffnung auf hartes Wechselgeld flott: „ Un Espresso per favore“ und erntete von der Kellnerin einen italienischen Redeschwall , an den ich mich noch genauso lange erinnern werde, wie an Rom selbst.