Die Nachmittags – SMS

Holger befand sich, grundlos lächelnd, in einem gläsernen Außenfahrstuhl eines prächtigen Hotels irgendwo oberhalb einer wunderschönen Stadt. Kliing — Kloong kündigte sich eine neue Etage an und der Fahrstuhl hielt. Starkes Sonnenlicht flutete gleichzeitig in den Aufzug, schien immer stärker durchs Fenster auf sein Gesicht und er öffnete die Augen. Er war also doch nicht im Hotelfahrstuhl, sondern lag auf der Matratze in seinem eigenen Zimmer. Kliing — Kloong hatte ihm in Wirklichkeit das Erscheinen eines kleinen Briefumschlags auf dem Display seines Handys vermeldet. Er streckte sich schlaftrunken und las „ Habs gestern leider doch nicht geschafft zu kommen. Ich hoffe du hattest einen schönen Abend, Jasmin “ Holger simste irgendwas freundlich Nichtssagendes mit großer Mühe und verkehrter Groß und Kleinschreibung zurück und drehte sich noch mal um, denn es war Sonnabendmorgen und er hatte frei. Er telefonierte normalerweise lieber  gleich, als mit seinen ungeübten Fingern SMS anzufertigen und ihm war noch gar nicht aufgefallen, dass sein neues Billighandy , dass er sich zulegen musste, weil über das alte wiederholt Getränke geflossen waren, diesen Kliing – Kloong artigen Ton erzeugte um den Empfang von Sims akustisch zu untermalen. Er hörte es am gleichen Nachmittag noch einmal, als er gerade beim Bäcker an sie dachte und las folgende Nachricht:  „ Hast du einen tollen Veranstaltungstipp für den späteren Abend ? Jasmin “ Holger war erfreut. Ja er wollte Jasmin sehen, eigentlich nebensächlich bei welcher Veranstaltung, Hauptsache sie wäre da. Er simste aber nicht gleich zurück, da er  mögliche tolle Tipps vorsichtshalber erstmal mit einem Blick ins Stadtmagazin sortieren wollte und außerdem diese offene Frage eine angenehme Spannung in ihm erzeugte. Im Moment hätte er z.B. nur schreiben können: „Ich habe keine Idee, aber bitte komm hin“ oder „Egal wo, ich freue mich drauf“, befürchtete aber das diese klaren Bekenntnisse jetzt kaum weiter helfen.

 Zwei Stunden später brach er den mittlerweile siebenten Versuch drei oder vier Gestaltungsmöglichkeiten des Abends, die in die engere Wahl kamen, in nur einer Kurztextnachricht zu skizzieren, ab und tippte stattdessen ihre Nummer ins Telefon. „Hallo“ meldete sich die weibliche Stimme. „ Hallo Holger hier, ich hoffe ich störe nicht“ „Ach woher, ich bin gerade ein bisschen am kochen“ was von rührenden und klappernden Küchengeräuschen begleitet wurde. „ Gibt’s bei dir heut ein Festessen?“  „Ja, hier in der WG wird heut gekocht und vom Studium kommen dann auch noch welche“ „Na ja, dann lasst es euch dann mal schmecken“ „ Was machst du heut noch so, vielleicht gehen wir oder ich ja dann nach dem Essen noch irgendwo hin?“ Holger brachte mehrere Varianten , zwischen denen er sich selbst noch nicht entschieden hatte, ins Gespräch. Heute spielten irgendwo in der Stadt gleich zwei Bands die ihn interessierten. Er hätte sich aber auch gern eine bestimmte Komödie im Kino angesehen, aber das war alles zum vielleicht dann noch hinkommen eher ungeeignet. Deswegen legte er sich gar nicht erst fest und meinte, dass er ab Eins sowieso dann noch, wie so oft in die „Dämmerlichtbar“ gehen würde, wo man im Nebenraum ja auch noch bisschen tanzen kann. „ Vielleicht komm ich ja dann noch hin, kann ich aber nicht versprechen, vielleicht bleib ich aber auch mit den anderen hier sitzen.“  war ihre Meinung dazu, was Holger verständlich erschien.

 Jasmin tauchte an diesem Abend nicht mehr in der Dämmerlichtbar auf und Holger hatte trotzdem wieder einen lustigen Abend. Aber jetzt hatte ihn ein leichtes Fieber ergriffen. Es sollte doch irgendwie möglich sein, mal mit Jasmin, also nur mit ihr, irgendwo was trinken gehen zu können. Auf sympathische Weise miteinander geschwatzt, wenn man sich irgendwo sah, hatten sie schon gelegentlich , sich wirklich unterhalten aber noch nie.  Die „ Ich komm dann vielleicht auch noch irgendwie dahin“ Variante hatte ja was entspannt spannendes, führte aber aus seiner Sicht offensichtlich am Ziel vorbei. Also versuchte er es darauf folgenden Dienstag mit einem konkreten Vorschlag. Er hätte freilich lieber einfach angerufen, fand aber dass eine Sims unaufdringlicher wäre, als ein vielleicht gerade zeitlich unglücklich reinplatzender Anruf, außerdem schien sie  offensichtlich das Simsmedium gerne für die Fernkommunikation zu nutzen. Er fragte sich, ob ihr Handy vielleicht auch diesen Kling – Klong – Nachrichtenempfangston absonderte.  „Wie wärs morgen Abend mit einem Kaffee in der Schoko-Mocca-Sahne-Bar ?“ schrieb er, was für die Kürze des Textes ziemlich lange dauerte. „ Sorry  geht leider nicht, vielleicht nachmi?“ kam postwendend zurück. Also nicht Abends sondern schon nachmittags, ist auch gut, dachte er, zum Glück war er in dieser Woche auf Kurzarbeit gesetzt wurden. „ Okay gern auch Nachmi“ antwortete er daraufhin und fand anschließend, dass man denn Zeitpunkt eigentlich etwas präziser hätte formulieren können, lies es jetzt aber dabei.. Mittwoch Nachmittag saß Holger zwei Stunden und drei Kaffee lang in der Schoko-Mocca-Sahne-Bar auch S.M.S – Bar genannt und hatte zum Glück ein packendes Buch dabei, denn Jasmin erschien nicht. Am übernächsten Tag erschien allerdings wieder ein kleiner Briefumschlag von ihr „ Also wann wird das denn nun mit uns oder haben wir uns schon verpasst ?“ . Das überraschte Holger, der die Angelegenheit gerade aufgeben wollte, allerdings. „Also ich war  Mittwoch Nachmittag ziemlich lange da“ schrieb er zurück. „Wieso Mittwoch Nachmittag, ich meinte doch nach Mittwoch “ lautete die nächste Nachricht.  Holger ging ein Licht auf bzw. erschien das von ihr benutzte Kürzel „Nachmi“ jetzt in einem anderen solchen. Nach dem Mittwoch ist vor dem Mittwoch, dachte er sich, wollte ihr aber nichts mit „Vormi“ schreiben, was ja wiederum als vormittags ausgelegt werden könnte und was außerdem recht früh am Tag gewesen wäre. „ Was machst du denn am WE ?“ fragte er daraufhin an. „Welches WE ?“ kam zurück  „ Was machst du schönes an diesem Wochenende“ fragsimste Holger mit letzter Kraft. „Kling – Klong“ tönte sein Mobiltelefon wieder. In der Kurztextnachricht stand , dass sie jedenfalls keinesfalls mehr in die SMS – Bar wolle. Holger war beruhigt, dort wollte er auch nicht mehr hin. Aber wo wollte er hin ? Und wo wollte sie hin ? Und wo wollte er mit ihr hin falls sie überhaupt mit ihm irgendwo hin wollte. Holger las alle ihre SMS noch einmal und versuchte dabei vergeblich so etwas wie eine Betonung heraus zu lesen. Er rief zu jeder Nachricht die er wiederholt las den Klang ihrer Stimme in sein Gedächtnis zurück, aber es klang jedes Mal anders. Zuckersüß flirtend oder spottend ironisierend, ungeduldig oder unbeteiligt, erwartungsfroh oder gelangweilt oder er bildete sich das nur ein oder  war es sowieso egal oder sollte man es lassen oder war es vielleicht schade drum.  

Er überlegte bzw. legte das Handy von der einen Hand in die andere und benutzte es wieder in seiner telefonischen ursprünglichen Funktion. Sie ging nicht ran. Er textete kurz was nettes auf die Mailbox, klar ruft sie dann gleich zurück oder oder eben auch nicht.