google -/- oder auch gesund und gut gelaunt
Holger saß seit etwa zweieinhalb Stunden vorm Rechner, rechnete aber nicht, sondern recherchierte. Sein Mitbewohner und Kumpel Ulf langweilte sich seinerseits an diesem frühen Freitagabend ein wenig. Als Ulf schließlich in Holgers Zimmer kam, fragte er den abwesend wirkend Recherchierenden „ Hast du vielleicht Lust deinen Hintern mal mit raus an die Luft zu bewegen, heute sind im Ostragehege Pyrogames. Ich würde mir das zum Spaß mal so angucken.“ schlug er vor. „Wie jetzt Pyrogames ? ich kenn nur Games Convention“ kam zurück. „Naja so viel Feuerwerk halt, nur modern heißt das Pyrotechnik und weil es richtig bunt knallen soll, in dem Fall Pyrogames“ „Das muss ich gleich mal googeln: was ist das wohl für ein Wort Pyrotechnik ? “ Google präsentierte dazu an zweiter Position einen Eintrag bei Wikipedia, den Holger sofort anklickte, worauf Ulf das Zimmer verlies, denn er wusste, wenn sein Kumpan erstmal mit wikipedieren anfängt, ist er mindestens die nächste Stunde nicht ansprechbar, weil die Verlinkung dieser Seite bei ihm ein immer tieferes drin versinken, ein gewissermaßen enzyklopädales online meditieren nach sich zieht. Er hatte plötzlich eine Alternatividee und rief Heike an. Sie hatte tatsächlich in einer halben Stunde für ihn Zeit. Manchmal muss man einfach nur fragen, freute er sich und verschwand. Als Ulf etwa neun Stunden später wieder da war und versehentlich leicht angetrunken in Holgers Zimmer stolperte, saß Holger immer noch oder wieder vorm PC. „ Mann, tut dir nicht langsam irgendwie der Hintern weh ?“ fragte er. „ Ach quatsch der Hintern ist dafür da, dass man drauf sitzt.“ „ Nicht nur, manchmal ist er auch Teil des körperlichen Bewegungsapparates, also ich bewege mich jetzt auf meine Matratze“ fügte er hinzu, worauf der Angesprochene nichts erwiderte und Ulf wie angekündigt pennen ging. Als er gegen dreizehn Uhr dreißig aufgestanden war und nach dem Frühstück nach seinem Wohnungsmitinsassen Ausschau hielt, präsentierte sich ihm das selbe Bild: Holger saß in seinem Zimmer vor seinem Computer und bestaunte ihn als würde er ihn das erste mal sehen. „ Guten Morgen, was gibt’s neues ?“ „Der Server ist nicht erreichbar“ wurde teilnahmslos geantwortet „Na so was“ Ulf der Server, Provider sowie Browser und ähnliches nicht sinnvoll unterscheiden konnte, verstand immerhin soviel, das da irgendwas mit dem Internet gerade eben nicht hinhaute und fand das Klasse. „Das ist ja die Gelegenheit raus zugehen und ein bisschen durch den Herbstwald zu latschen“ „Nicht bei dem Mistwetter“ erwiderte Holger auf dessen blasen Gesicht sich die Sonne, die durchs Fenster ins Zimmer schien, spiegelte. Er stand auf und ließ die Jalousinen runter und pflanzte sich wieder vors Gerät. „ Bist du vielleicht ein bisschen abhängig?“ Statt einer Antwort konnte Ulf beobachten, wie sein Freund unvermittelt anfing, den Monitor zu ohrfeigen links, rechts, rechts, links. Der Monitor wackelte und verrutschte ein wenig und sagte nichts. Da es sich um einen Flachbildschirm handelte, war die Wirkung der leichten seitlichen Schläge auch gering. Holger trat noch mal kurz gegen seinen Schreibtisch, schlug mit der flachen Hand auf die Tastatur und verließ ohne auszuschalten seinerseits mit den Worten „ Ich bin nicht süchtig, ich bin jetzt flüchtig“ schlagartig Zimmer und Wohnung. Ulf überlegte ob er die Jalousinen wieder hoch ziehen sollte, der Zimmerpflanzen wegen und schielte auf den verrutschten Monitor. Die Buchstaben der geöffneten Google Seite waren jahreszeitlich passend mit schönen farbigen Herbstblättern verziert. In der Suchzeile stand der Begriff „Onlinesucht“. Ulf fand das spannend und googelte an Holgers Rechner los, dessen Einverständnis er aus WG – Gewohnheit voraussetzte, denn er hatte ihn schon öfter benutzen dürfen. Der Server war offensichtlich wieder erreichbar. Er vertiefte sich in Symptome, Details, Therapieformen von patholigical Internet use (PIU) und gerade in ein Onlineforum, das sich aus allen Blickwinkeln mit der Frage beschäftigte, ob internet addicton als Geisteskrankheit anerkennenswürdig sei oder nicht, als Holger fünf Stunden später zurückkam. Er sah erholt aus. Sein Gesicht hatte Farbe. Er staunte schmunzelnd über den Rollentausch und fragte: „Was machsten du an meinen schönen neuen HighTech Computer ?“ „ Den Server wieder erreichen“ „Tolle Leistung“ „ eben“ „ Viel Spaß noch“ „Danke“ „ Hast du heute nichts anderes vor, als exzessiv online rumzuchatten ? beispielsweise mit richtigen Menschen reden?“ „ Ich bin gleich fertig, noch fünf Minuten:“ Holger machte für beide Kaffee, trank seinen alleine und fragte irgendwann „ Und mit wem chattest du jetzt ?“ „Ich chatte nicht, ich surfe und informiere mich“ „Tagesfüllend zum selben Thema, du siehst sie ja nicht mehr alle“ „ Siehst du ja selber nicht“ „ Hhm, also man könnte den Rechner einfach mal ausschalten, bevor er einen selbst ausschaltet“ schlug Holger vor. „ Geile Idee „ erwiderte Ulf und drückte den Hauptschalter, so dass das Gerät kalt abzustürzen drohte „Moment mal, du musst den runter fahren“ „ Sorry, ich fahr in morgen ja auch gern für dich wieder hoch und nutze ihn dann nicht länger als zehn Minuten“ „Da bin ich ja gespannt“ erwiderte Holger, ging zu seinem Schreibtisch und unterdrückte im letzten Moment den Impuls selbst gleich wieder anzuschalten.