In die Hand nehmen und locker machen
Was kostet das?“ fragte Peter Schmitt am Bäckerstand auf den gefüllten Prasselkuchen zeigend. „Das da, ist ein gefüllter Prasselkuchen“ antwortete die Verkäuferin erklärend und deutete wohlwollend auf das Produkt ihrer Bäckerei, dass sie dabei liebevoll und nicht ohne Stolz betrachtete. „Aha“ sagte Peter Schmitt und sah sich wohl in einer bereits vorhandenen Annahme bestätigt, schielte aber anderseits verlegen in seine Geldbörse, denn er wusste immer noch nicht wie viel es denn nun kosten würde. Dort steckten allerhand Plastikkarten aber nur noch einige Centmünzen Bargeld, die in der Summe etwa einen Euro ergaben. Er hatte wirklich Appetit und konnte keines der unübersichtlich angeordneten Preisschilder eindeutig zuordnen. „ Also neunzig Cent“ wagte er einen Vorstoß „ Ein Euro zehn, steht doch dran “ erwiderte die Fachverkäuferin. Peter Schmitt zählte seine Münzen so vor, dass die ein Euro fünf, die er noch hatte, einen Euro zehn ergaben und bekam was er wollte. Die Verkäuferin lächelte, ob sie was gemerkt hat, blieb ihr Geheimnis.
An der nächsten Ecke begegnete ihm ein alter Bekannter: Klaus Storch.
„ Hallo, wie geht’s dir ?“ fragte er diesen. „ Ich war in Spanien“ antwortete der Angesprochene und grinste breit. Peter Schmitt, der seinen letzten All Inclusive Urlaub in einer Bettenburg auf Malle weitgehend gruselig in Erinnerung hatte, war sich nicht wirklich sicher, ob er dies als Zeichen von Wohlbefinden werten sollte. „ Ach, du warst in Urlaub ?“ forschte er vorsichtig weiter. „ Nein, ich habe ein Probetraining bei Real Mallorca absolviert“ freute sich Klaus Storch und streckte seinen durch Cervesa aufgeblähten Bauch, der auf dürren Beinen lagerte, vor und feixte: „ Na klar war ich in Urlaub. Ich flieg doch nicht zur Montage in diese Hitze“ stellte er klar. „ Ah ja schön, siehst auch erholt aus“ floskelte Peter S. „ Und wie geht’s dir ?“ fragte nun der Urlaubsheimkehrer. „ Ich mache zur Zeit Überstunden“ übte jetzt auch Peter Schmitt die indirekte Antwort, obwohl dies nicht stimmte, denn er arbeite neuerdings kurz und vermutete darin sogar eine Vorstufe zum bald gar nicht mehr arbeiten. „Vielleicht solltest du dir einen neuen Job suchen“ schlug Peter Schmitts Bekannter vor. „ Das könnte glatt sein“ erwiderte dieser, verabschiedete sich freundlich und wünschte Klaus Storch doch erstmal richtig hier anzukommen.
Er ging weiter „Können Sie mir sagen, wo hier die nächste Straßenbahnhaltestelle
ist ?“ sprach ihn eine ältere Frau unvermittelt an. „Ja das kann ich“ antwortete er korrekt. „Na würden Sie das dann auch tun?“ hakte die Dame ungeduldig nach. „Gerade aus und nach hundert Metern rechts, können Sie nicht verfehlen“ kam er schließlich ihrem Wunsch nach.
Er kam nach Hause. Den Kuchen hatte er bereits unterwegs gegessen, da seine Frau neuerdings besonders nährstoffbewusst ihre Speisen wählte und er fürchtete ein demonstratives Kuchenessen vor ihr, könnte und zu erheblichen unerfreulichen Diskussionen führen, genau die Form von Kommunikation, die er eben nicht suchte. Seine Frau wirkte aber prächtig gelaunt und drehte sich, sich selbst betrachtend und bewundernd, in einem Kleid, dass er noch nie gesehen hatte, vorm Spiegel. „Schönes Kleid“ stellte er freundlich fest. „Gefällts dir ?“ fragte sie daraufhin ungläubig und gespannt lauernd. Er fragte sich jetzt, ob er dies nicht eigentlich schon ausgedrückt hätte oder ob er der Sinn der Frage wieder mal sein Interpretationsvermögen überfordert. Allerdings fiel ihm nun auf, dass ihm das Textil eigentlich nicht gefiel. „Was ist denn das für ein Stoff ?“ wich er aus. „ Hab ich bei Quelle bestellt“ beantwortete sie die Frage. War Quelle nicht neuerdings auch schon pleite, überlegte er kurz. „ Das ging ja dann noch mal gut“ meinte er. „Ja,ja war mir erst auch nicht so sicher, aber jetzt gefällts mir“ beendete Frau Schmitt das Thema.
Es half alles nichts. Peter Schmitt musste heute Abend dringend in seine Eckkneipe gehen. Wirkliche sinnvolle Antworten auf Fragen die hatte oder die ihn umtrieben, erwartete er dort auch nicht, aber er hoffte wenigstens auf sprachliche Erwiderungen, die im direkten Kontext zu dem zuvor im Gespräch bereits gesagten standen und die ihm sein Alltag neuerdings vorzuenthalten schien. „ Hallo ein Bier bitte“ bestellte er an der Theke und siehe da, dass klappte schon mal und er bekam ein frisch gezapftes hingestellt. „ Zwei Euro zwanzig“ sagte die neue Bedienung , die ihn noch nicht kannte teilnahmslos. Der jetzt durstige Peter, der geschätzt etwa zweihundertzwanzig Bier hier bereits getrunken hatte und dem der Preis daher geläufig war, erwiderte süffisant „Warum sagen Sie so was“ Die Bedienung stutze. „ Ich muss Sie doch abkassieren“ „ Ich soll also nicht mehr als Zwei Euro zwanzig hier lassen“ „Nein natürlich bzw. klar können Sie das, aber soviel kostet ein Bier“ „ Ach so und ich dachte schon Sie meinen einen neuen Bus – Tarif“ versuchte er zu scherzen und legt Zweifünfzig hin. Es war ausnahmsweise kein bekannter Trinkkumpan anwesend und um sich ein kleines Gesprächserlebnis zu verschaffen fragte er „ Wie viel Liter sind denn in so einem Fass ?“ „Ich denke Sie kennen sich hier schon aus“ erwiderte die Tresenkraft leicht trotzig. Wenigstens die Verabschiedung gestaltete sich dann einigermaßen kommunikativ. „Tschüüß, auf Wiedersehen“ flötete die Bedienung , Tschüüß , Auf Wiedersehen“ gab er zurück. „Tschüß, auf wieder mal sprechen“ dachte er dazu.