netto – freundl.in petto
Die Kassiererin sagte erstmal nichts, sie tippte und scannte (piep – piep) und verfolgte mit ausdrucks- und teilnahmslosen Gesicht den Ablauf ihrer routinierten Handbewegungen. An ihrer rotfarbenen Oberbekleidung war eine große Plakete befestigt, auf dem klein gedruckt ihr Name stand und darüber groß und fett: „Ich bin freundlich“ na sowas „Ich auch“ sagte ich „hoffe ich doch jedenfalls“ fügte ich hinzu. Sie unterbrach kurz die Umsatzerfassung. „Was wollen sie noch ?“ fragte sie. „Ach nichts“ gab ich zurück. „Dann sind`s Zwölf Euro Neunzehn bitte“ beschied sie mir, was weder besonders freundlich noch unfreundlich klang. „Netto oder Brutto“ dachte ich, behielt die Frage aber für mich und reichte freundlich die EC-Karte hin. Immerhin war ich hier in einer Filiale einer Supermarktkette die sich Netto – Markendiscount nennt, was namentlich den Anschein vortäuscht, man würde sich in einer Art Steueroase befinden, in der alles Netto also steuerfrei gehandelt wird, natürlich Markenware und das zu discounter bzw. disco-unter Preisen. Das EC-Kartengerät begab sich genau jetzt in einen technisch bedingten Kurzstreik. Ein weiterer Netto – Mitarbeiter erschien, auch er behauptete mit plakativ angesteckten Schildchen freundlich zu sein. Jedenfalls war er kollegial und das EC-Gerät, war nach wenigen Handgriffen wieder bereit, Geld von meinem Konto abzubuchen und dem Netto – Markendiscount zuzuführen, obwohl sich ja der ursprünglichen Sinn des englischen Wortes discount gar nichts mit abkassieren übersetzen lässt. Aber bei soviel Freundlichkeit will ich nicht zu kleinlich sein und unterschreibe den Beleg. Dann bekomm ich noch ein mechanisches „ Schönentachnoch“ nachgereicht und die Netto – Freundlichkeit hat sich mir gegenüber erstmal erledigt, um sich der Liquidität des nächsten, mit Discountlebensmitteln Bepackten, zuzuwenden. Trotzdem bin ich nicht unbeeindruckt: Freundlichkeit am laufenden Band muss man, selbst wenn sie aufgesetzt bzw. angesteckt ist, erstmal hinbekommen.
Jetzt mal fast im Ernst: Freundlichkeit im öffentlichen Raum ist nicht die schlechteste Idee, leider nicht selbstverständlich und macht vieles für die Beteiligten einfach netter oder zumindest weniger unangenehm und ist auch im verkäuferischen Zusammenhang eher von Vorteil. Aber wozu dieses Schild? Sind die Netto – Mitarbeiter wirklich so vergesslich, dass sie sich stets ihrer Freundlichkeit vergewissern müssen ? Oder ist das als atmosphärischer Trost gedacht für Menschen, denen nichts anderes übrig bleibt, als sich aus einem Discounter zu ernähren ? Ist dies ein tragikkomischer Werbegag der Geschäftsleitung oder so was wie ein Versuch positive Unternehmenskultur im Billigsegment zu fördern ? Und wen, von den „Tieftspreise – Dauerhaft“ Kunden interessiert das überhaupt ? überlege ich, während ich meinen Ramsch zusammenpacke und der Mitarbeiterin noch mal auf die Bluse schiele, natürlich nur wegen des „ Ich bin freundlich“ Schildchens. Ich breche meine Betrachtung ab, außerdem will ich nicht noch selbst unfreundlich werden.
Was les ich später auf meinen Kontoauszug ? „Netto sagt danke“ , aber bitte schön, dass ist ja schon beinah höflich. .