PI-PA-Passwort
Peter B. stand, um Fassung ringend, vor einem Sparkasse – Geldautomaten. Nicht dass er das Konto wieder überzogen hätte, er hatte diesmal ein anderes Problem, einen plötzlichen Blackout oder um es anders auszudrücken: eine unerwartete, kleine aber fatale Gedächtnisfehlfunktion. Er wollte Geld am Automaten ziehen und seine PIN -Nummer fiel ihm einfach nicht mehr ein. Sie war weg, weg, weg. PIN ich denn blöd ? dachte er und versuchte sich zu erinnern: 1728, 2817, 7281 oder 1287 ? Nee, aufsteigend war die Zahl nicht gewesen, das hätte er sich wohl behalten. Oder die Eselsbrücke mit der umgekehrten historischen Jahreszahl , ach das war die EC – Karte davor. Unsicher schob er die Hand langsam zur Tastatur und zog sie erstmal wieder weg. Hinter ihm bildete sich bereits eine langsam nervös werdende Schlange. So probierte er es einfach mal mit 2871 und erhielt vom Bildschirm den Hinweis : – Geheimzahl falsch eingegeben - Er wusste, er hat noch zwei Versuche. Aber wenn die Karte gesperrt werden würde, konnte er sich zum Freitagnachmittag nicht mal mehr, um finanztechnische Vergebung bittend, an das Schalterpersonal wenden und er würde wohl übers Wochenende verdursten müssen. Er nahm seine EC-Karte zurück. Er hatte sich die PIN nie notiert. Bis vor kurzen konnte er sich ja auch auf sein Gedächtnis verlassen. Vielleicht half es ja, erstmal draußen durchzuatmen oder irgendwo einen Kaffee zu trinken. Soviel Geld hatte er immerhin noch. Auf dem Automatenbildschirm erschien zum Abschiedsgruß eine junge Frau im Businesskostüm, die im Regen stehend eine Zeitung über ihren Kopf hält und dazu die Behauptung: „Ein perfekter Tag – Für Sparkasse direkt“. Vor der Tür vibrierte geräuschvoll sein Mobiltelefon. Ulf war dran. „ Hallo Peter, wann treffen wir uns denn?“ „ Wie jetzt, treffen?“ gedanklich war Peter im Universum möglicher Nummerncodes. „ Wir wollten uns doch heute Abend betrinken“ erinnerte der Anrufer. „ Ich PIN pleite“ , antwortete Peter leicht deprimiert. „ Darf ich dir was borgen ?“ erkundigte sich Ulf. „Na, ja Vielleicht fällts mir ja dann noch ein“ kam als Antwort. Sein Kumpan protestierte: „ Das musst Du mir schon gleich sagen, wenn ich dir was geben soll, damit ich weis wie viel ich abheben muss. Du hast es gut, kannst einfach so Geld abheben, dachte Peter, war aber für diese freundschaftliche Hilfe-stellung durchaus dankbar und meinte: „ Ja , plan mal bitte 30 Steine für mich mit ein“ „ Bist Du sicher das das reicht?“ „ Du weißt doch, ich trink nicht mehr ganz so viel“ „ Na, ja das hast Du schon oft gesagt. Also ungefähr um Acht im „WieImmer“. „Ja klar im WieImmer, wie immer am Tresen.“ waren die letzten Worte Peters in diesem Gespräch und sein Handy schaltete sich wegen Akku-akuten Strommangels mit einem kling-pling-pling selbst aus.
Also ging er erstmal die wenigen Schritte nach Hause, steckte das Handy ans Akku, machte sich Kaffee und checkte zwischenzeitlich seine Emails oder warf einen Blick über seine E-Post, wie er sich gedanklich auszudrücken pflegte. „Bitte geben Sie Ihr Passwort ein.“ Das war hier zum Glück hinterlegt. Er erinnerte sich aber, wie er sich leicht angenervt die Email-Adresse eingerichtet hatte. Das nahe liegende Wort Passwort als Passwort war wohl schon vergeben. Funktionierte auch nicht mit zwei P oder vier S, genauso wenig wie als Anagram Trowssap, also in umgekehrter Buchstabenfolge. Außerdem sollte das Passwort plötzlich aus mindestens acht Zeichen, davon wiederum mindestens einer Zahl bestehen, wobei Umlaute und Sonderzeichen zu vermeiden wären, wie aufeinander folgende Fehlermeldungen lapidar mitteilten. So wurde das Passwort für ihn flugs zum Hasswort. „Hassswort9“ mit drei S arbeitete sofort tadellos. (Drei S sind auch besser, denn mit einem Hasswort mit SS, wollte er nicht mal virtuell zu tun haben.) Im Posteingang waren 7 neue Mails. Plötzlich erschien ihm leuchtend eine Zahl vor der Innenseite der Stirnwand: 7128 . Ja wunderbar, er hatte seine PIN wieder. Alles war gut.
Erfreut griff er sofort zum Handy um Ulf mitzuteilen, dass er doch kein Geld von ihm benötigte. Er schaltete das Minitelefon wieder ein. Ohne nachzudenken zu müssen, gab er die PIN ein: 7-1-2-8. Während das Mobiltelefon sich mit einem kling-pling-pling wieder anmeldete, war Peter enttäuscht.1728 war also doch nicht die EC-Karten PIN sondern die vom Handy. Er gab es für heute auf und freute erstmal auf den fremd finanzierten Abend. Wie immer kam Peter etwas später ins WieImmer. Dabei war er diesmal zeitig genug raus der Wohnung, hatte aber erstmal Probleme mit der Zahlenkombination seines Fahrradsschlosses. Ulf war schon da und stellte ihm erstmal ein Bier hin. Die Stimmung war entspannt. Beide fühlten sich in der vernebelten Lokalität sofort wohl. Ulf musste dann allerdings erstmal ein Problem abladen. „Stell Dir vor, ich soll da in der Firma eine Abrechnung machen, komm aber im firmeneigenen Intranet nicht an die nötigen Zahlen ran“ „ Wieso nicht ?“ „ Ich hab die Zugangsdaten verschlampt, also vergessen.“ „ Hast Du sie Dir nirgendwo notiert?“ „Nee, eigentlich merkt man sich ja so was.“ „Stimmt eigentlich merkt man sich so was, schön blöd von Dir“ befand Peter und fragte dann etwas nachdenklich. „Wie viel PINs und Passwörter hast Du insgesamt so ungefähr?“ „ Weiß nicht, sieben, acht, neun, elf, werden immer mehr und weißt Du es?“ „ Nee, ich weiß natürlich auch nicht viele Kennungen du hast“ „ Ich mein natürlich wie viele PIN und Passwörter, es deinem Wissen nach bei Dir gibt.“ präzisierte er. „Also, ich habe aktuell nur eine PIN “ „ Quatsch, so kommste heute nicht mehr durchs Leben“ „ Stimmt, die anderen hab ich auch vergessen“ räumte Peter ein. „Schön blöd von Dir“ war Ulfs Meinung dazu. Peter widersprach nicht und bestellte noch ein Bier. Conny, die zapfend hinterm Tresen stand, forderte: „Ihr Getränke – Passwort bitte“ und bei Peter blieb nicht begreifend, der Mund einen Moment lang offen stehen. Ulrike, die neben ihr stand und dass Gespräch gerade eben wohl auch belauscht hatte ergänzte schmunzelnd „Ohne Geheimzahl läuft hier nichts“, stellte aber Peter gleichzeitig ein volles Glas hin. Erleichtert nahm er einen Schluck. Das Schlimmste war also schon mal abgewendet, zumindest für heute Abend. Morgen würde er sich sowieso noch mal Gedanken machen müssen. Vorerst musste er allerdings dringend auf Toilette. Die Tür dahin lies nicht öffnen. Während er die Tür daraufhin untersuchte, ob man hier neuerdings was eingeben muss, um rein zu kommen, vielleicht ja um Fremdbenutzer abzuhalten, öffnete sich die Tür von innen und Peter stolperte an dem Herauskommenden vorbei ins Klo hinein und schlug mit dem Kopf leicht auf die gegenüberliegende Wand auf, so dass der Verfolgungswahn schlagartig weg war. Auf der anderen Seite, schien ihm der letzte Rest von Zahlenverständnis abhanden gekommen zu sein. Deshalb zählte er bei den Bierbestellungen, ab jetzt auch nicht mehr mit.
Peter hatte dann die kräftige Zeche von 28,17 € zu löhnen und tiefes Verständnis dafür, dass ausschließlich Bargeld akzeptiert wurde. In der hohen Summe war wohl auch vom letzten mal noch was mit drin. Aber immerhin reichten die geliehenen 30 Euro aus und die Rechnung enthielt zufällig den entscheidenden Tipp. Auf den nach Hause weg hielt er leicht schwankend am Geldautomaten an und konnte seine PIN eingeben: 2817. und der Geldsesam öffnete sich wieder. „ SuperPin-Hauptgewinn“ freute er sich, obwohl es ja sowieso sein Geld war. Zum Glück hatte er gerade keinen Stift dabei, sonst hätte er sich die Zahl gleich auf einen der neuen Scheine notiert.