Richtig Laut

„Wir machen da extra richtig laut“ tönte ein dicklicher Mann mit Vollbart lauthals in  sein mobiles Telefon, in das Handy in seiner Hand. „Richtig laut müssen wir den Wecker morgen stellen, damit wir diesmal wirklich auch munter werden“ teilte er überdeutlich irgendjemand am anderen Ende, sich selbst, den anderen Insassen in der Straßenbahn und dem Rest der Welt mit. Holger hatte es gehört, ob er wollte oder nicht, denn er saß nur etwa ein bis zwei Meter entfernt im gleichen Straba – Zug und versuchte sich eigentlich auf den Inhalt eines Buches zu konzentrieren, konnte aber jetzt keinem der abgedruckten Gedanken in sich aufnehmen geschweige denn folgen. „Wir stehen aber wirklich morgen um Sieben auf, diesmal klappts, ist ganz wichtig“ wurde er noch mal nachdrücklich an die persönliche Problemstellung des Verkehrsmittelmitinsassen und seiner Angehörigen erinnert. Neben ihm über den Gang hinweg, saß eine junge Frau, die mit angenervt verdrehten Augen von ihrem Hefter auf sah. Möglicherweise wollte sie noch schnell was für die Uni pauken, aber das schien kaum möglich u.a. weil auch sie jetzt ein mobiles Telefongespräch entgegen nahm. „Hii jaa   wie geht’s ? und wie läufts so ?“ fragte sie wahrscheinlich eine Freundin und fragte sich dabei weniger ob das hier sonst jemand interessiert. „Und wie läufsts eigentlich mit deinem neuen Typen “ ist sie ganz öffentlich neugierig. Aber auch links neben ihm wird jetzt gesprochen „ Das geht gar nicht “ teilt unvermittelt ein jungerer Typ mit Basecap einem ebenfalls nicht sichtbaren Gesprächsteilnehmer mit harter Stimme mit. Irgendein Handy ist genauso wenig zu sehen, was erstmal den unwirklichen Eindruck eines Selbstgespräches  erweckt, scheinbar benutzt er eine Art Mobilfunkfreisprechanlage.  „Sag mal merkst dus noch?“ setzt er seine Sprechattacke fort.  „Wie du hast das am ersten Abend nicht gemerkt ?“ scheint die rechts telefonierende eine ähnliche Frage zu haben. „ Ja, ja du hast wieder nicht gemerkt, dass der Wecker überhaupt nicht an war, aber das darf nicht mehr passieren, hörst du, sonst denken die wirklich wir merkens gar nicht mehr“ kam ergänzend vom Vollbärtigen von vorn. Holger schloss sein Buch und lehnte sich zurück. Lesen ist hier sinnlos bemerkte er endgültig und überlies sich seiner unfreiwilligen Ohrenzeugenschaft. „Na ja das macht schon Spaß mit der, obwohl so richtig sicher bin ich mir bei der aber noch nicht“ kam von links. „ Wie nun erzähl schon weiter. Ich höre dir zu“ kam von rechts. „Also wie gesagt , dran denken morgen früh wirds richtig laut und  Tschüüsß“ verabschiedete sich die vordere Stimme aus dem  Gespräch. Holger steckt sein Buch endgültig in die Tasche. „Die will mit mir morgen ins Theater gehen, das kann ja was werden “ berichtete nun links der Typ. „ Was machst du morgen Abend, ach da bist du mit ihm wieder verabredet ?“ so sie von rechts zu hören. Holger schaute gerade aus, der akustischen Umklammerung widerstandslos ausgesetzt. „ Das ist mir egal, was das für ein Stück ist“ links. „Wie ? du denkst dass der völlig kulturlos ist und schleppst den deshalb mit ins Theater.“ rechts.  „Na klar geh ich da nur wegen ihr mit“ links. „Der kommt wahrscheinlich doch nur wegen dir mit, aber probiers trotzdem mal“ rechts. Holger schaute kurz hin und her. Die beiden nahmen keinerlei Notiz voneinander.  „Ich kann dir dann erzählen, obs mit ihr Theater beim Theaterbesuch gab ha ha“ hörte er von der einen „Also viel Spaß morgen im Theater“ von der anderen Seite. Die Sprechgeräte verschwanden und es war nun recht ruhig in der Klingel.  Holger schöpfte Hoffnung und wollte schon wieder zu seinem Buch mit dem Titel „Kurzgeschichten aus der Straßenbahn“ greifen, doch im selben Moment schnaubte der Vollbärtige von vorn wieder in sein Telefon: „Was du hast das nicht verstanden ? Ich war doch wohl laut und deutlich genug.“ Kann man nichts dagegen sagen, dachte Holger, das war er unter anderem tatsächlich und fragte sich wann nun endlich der Postplatz kommt.