Unbehagliches im medial geprägten Allerleitag
Heiko schaltete das Superhit-Radio aus. Er konnte diese Fastfoodnachrichten nicht mehr hören. „Die Koalitionsparteien im Konjunturpaket, irgendwelcher Prominentenmist, die Blitzer stehen da und dort, das Wetter ist schlecht.“ Interessiert das wirklich irgendjemand und wenn ja wieso eigentlich bzw. wenn es einen Grund dafür gäbe, wieso sollte ein Mensch Informationen in so einer verflachten Form, in einem diesen wiedergekäuten Belanglosigkeitsbrei in sich aufnehmen, fragte er sich und legte eine CD ein. Die elektronisch unterlegten Stromgitarren hoben langsam seine Stimmung und die übliche Vorstadtlandschaft zog an ihm vorbei. Er saß in seinem Altgebrauchtwagen, für den es jetzt eine Abwrackprämie geben würde, wenn er sich einen neuen leisten könnte und war auf dem Weg zur Arbeit. Seitdem seine Firma ins Umland ausgewichen war, kam er am Autofahren nicht mehr vorbei und auch das traditionelle Direktnachfeierabendbier fiel dadurch aus. Den ganzen Tag nur Unmengen von lauwarmen Kaffee und sterilen Tafelwasser bis zum Erbrechen. Nicht dass er sich dadurch schon mal erbrochen hätte, aber es fühlte sich tendenziell so an. Das Unternehmen, das ihn beschäftigte war schwerpunktmäßig mit ausgelagerten Verwaltungsaufgaben einer ausgelagerten Spezialfirma für Außenverkleidungen von Produktionsstätten der chemischen Industrie beschäftigt. Wie hausintern gemeinhin bekannt war, waren die Auftragseingänge der Muttergesellschaft deutlich rückläufig. Die ausgelagerten Verwaltungsaufgaben nahmen trotzdem ständig zu. Als er sich an seinem Arbeitsplatz im Acht – Mitarbeiter – Büro nach nur kurzen, eher distanzierten Gruß setzte, fiel ihm beim Anblick des Stapels vor ihm mal wieder auf, dass die neuesten Bürocomputerprogramme mit denen er arbeiten musste, die Papierflut bisher kaum einschränkten, teilweise sogar steigerten. Er checkte seine Emails, seine dienstlichen, heute morgen 37 und da er in einer kaum einsehbaren Ecke des kleineren Großraumbüros saß, auch schnell seine privaten: immerhin heute auch 28 mit Spams sogar 44. Vielleicht sollte man ein paar von den Newslettern abbestellten dachte er, als er die Betreffzeilen überflog und wandte sich wieder der dienstlichen Epost zu. Er war heute morgen eher unkonzentriert und kam kaum voran. Als er alle Mails gelesen, sich über Sachverhalte und Anweisungen, die jetzt ebenfalls zu berücksichtigen wären, informiert und sich darüber anschließend auch noch Gedanken gemacht hatte, nahte schon die Mittagspause und er hatte mit seiner eigentlichen Arbeit noch nicht mal begonnen. Irgendwann war der nur mäßig produktive Arbeitstag vorbei.
Als er wieder zu Hause war, fiel ihm die Tageszeitung, die er bis vor kurzen noch regelmäßig las, als er früh in der Straßenbahn dafür noch Zeit hatte , diverse Werbebeilagen und fünf Briefe in die Hände, nichts persönliches nur Rechnungen und pseudopersönlich formulierte Werbeanschreiben für den lieben Herrn Soundso. . Er erinnerte sich, wie ihn einmal, ein ihm in der Straßenbahn schräg gegenüber Sitzender mit ungepflegten Gesicht und Bierdose in der Hand wegen seiner Zeitung vollkeiferte: „ Du Idiot globst wo noch was da drinne steht“ „ Ja die Sportergebnisse hier glaube ich schon“ hatte er geantwortet, „frustrierter Volltrottel“ gedacht und auf eine differenzierte inhaltliche Auseinandersetzung über das seiner Meinung nach durchwachsene, teils informativ lesbare, teilweise aber auch hingeschludert halbsachliche, subtil politisch tendenzielle regionale Presseprodukt mit dem ihn schräg gegenüber Sitzenden, der sich jetzt aufs rülpsen verlegt hatte, verzichtet.
Er lebte immer noch in WG – Verhältnissen und als er diese betrat, vernahm er akustisch, dass seine Mitbewohner sich ernstlich eine TV – Suppe bzw. Soap rein zogen, irgendwas mit „Alles gut – alles schlecht“ oder so ähnlich. Ihn interessierte herzlich gar nicht und er war wieder mal erstaunt darüber, auf welche Weise an sich sympathische und intelligente Menschen einen Teil ihrer Lebenszeit sinn- und genussfrei entsorgen. Wenn es dabei irgendeine Form von Vergnügen geben sollte, lag sie wohl außerhalb seiner Wahrnehmungsfähigkeit und Ablenkung
jenseits der üblichen bildschirmfixierten Gehirnvernebelung gab es ja nun wirklich genug, zumindest in einer relativ großen Stadt. Er kochte sich einen Tee, stellte fest dass sein AB oder Telefonanrufentgegennehmer keine Nachrichten für ihn gespeichert hatte und tröstete sich wieder mit Konservenmusik. Die Rumflasche mit deren Inhalt er zuweilen seinen Tee zu würzen pflegte, lies er vorsichtshalber unangetastet. Sein Gefühl riet ihm, damit heute lieber vorsichtig zu sein. Er widmete sich jetzt wieder seinen privaten Mails, die auf einer kostenfreien werbefinanzierten Plattform zur Verfügung gestellt wurden. „ Virusdatenbank wurde aktualisiert“ sagte plötzlich sein PC laut und ungefragt. Es war der bisher freundlichste Satz des Tages. Bevor die Mails auf dem Bildschirm erschienen, gabs schon wieder Prominentenquark, künstlich dramatisierten Bundesligaschnickschack, angeblich neue Forschungsergebnisse zum Paarungsverhalten von Männern und Frauen und die Meldung, dass der Bundeswirtschaftsminister Glos keinen Bock mehr hat. Heiko konnte ihn zum ersten mal verstehen. Er hatte auch gerade keinen Bock mehr, fragte sich wozu der ganze Quatsch und schaltete heute zum zweiten mal einen PC aus, gewissermaßen bevor dieser ihn ausschalten konnte.
Die Sonne schien in Heikos Fahrzeug, , er lächelte in sich hinein, pfiff vergnügt vor sich hin und versuchte sich zu erinnern an welcher Stelle im weiteren Verlauf des Vorabends sich die Stimmung eigentlich so seltsam positiv gedreht hatte.
Lag es an Karl, einem lange – nicht – gesehen – Freund , der kaum hatte er gegessen anrief und mit ihm dringend sofort und ohne Widerrede mindestens zwei Bier trinken gehen wollte. Kaum hatte er schließlich zugesagt, klingelte es überraschend schon wieder bei Heiko , der mindestens zwei Wochen, gefühlt zwei Monate gar nicht angerufen wurden war, und Kerstin wollte nur mal so mit ihm plaudern. Heiko plauderte zurück mit Kerstin, mit der er mal bei irgendeiner Party als Reflex quasi die Telefonnummern ausgetauscht hatte, ohne dass sie seitdem je bisher miteinander telefoniert hätten. Das nette Gespräch blieb belanglos, zwar hatte Heiko das Gefühl dass es ab einen gewissen Punkt auf irgendwas hinauslaufen sollte, hatte aber keine spontane Idee und außerdem musste er jetzt los. Nach einer dreiviertel Stunde Gequatsche und Getrinke ohne störende Frequentierung von Verbraucher-informationen, zu suchenden Superstars und globaler Wirtschaftskrise war die Laune schon erheblich besser. Nur Heiko und Karl, später die drei vom Nebentisch und schließlich Kerstin, die woher und weshalb auch immer plötzlich mit ihrer Freundin Kathrin auftauchte und im weiteren Verlauf des Abends auch wieder verschwand und zwar zu seiner Überraschung mit seinem Freund Karl. Sie wollten noch tanzen gehen und er wollte zu diesem Zeitpunkt noch am nächsten Morgen pünktlich aufstehen. Er gönnte es ihnen. Er unterhielt sich dann doch noch eine halbe Ewigkeit mit Kerstins Freundin Kathrin und dem Nebentisch und der Abend löste sich irgendwann in
Wohlgefallen auf.
Holger betrat gut gelaunt, schwungvoll grüßend und zwei Stunden zu spät kommend das Kleingroßraumbüro seines Nocharbeitsplatzes. Die Kollegen machten flapsige Bemerkungen und stellten wilde Spekulationen über seine Nacht an. Aus unerfindlichen Gründen, vielleicht hatten sie ja heute Morgen klasse Musik gehört und sich mit irgendjemand unterhalten statt zu wie üblich frühstückszufernsehen, schienen heute auch sie deutlich besser gelaunt als sonst. Sollten sie von ihm aus denken, was ihnen Spaß machte, wenn es ihnen durch den Tag half. Seine Email rief er diesmal nicht als erstes sondern irgendwann später ab, denn die Stimmung wollte er sich nicht gleich wieder ausbremsen lassen, nahm er sich fest vor.